Das erste Videospiel
Warum die Antwort von der Definition abhängt
Auf diese Frage gibt es keine falsche Antwort, sondern sechs richtige. Wer eine davon nennt, hat sich für ein Kriterium entschieden, und der Streit dreht sich nie um die Geräte, sondern immer um dieses Kriterium.
01 Fünf Kriterien, aus denen man wählen muss
Bevor irgendein Kandidat genannt wird, muss festgelegt werden, was ein Videospiel ist. In der Diskussion tauchen fünf Anforderungen auf, und keine ist offensichtlich zwingend: Es braucht einen programmierbaren Rechner. Es braucht ein Bildsignal auf einer Röhre statt einer Lampenanzeige. Es muss ein Spiel sein, kein Vorführexperiment. Es muss für Publikum zugänglich gewesen sein. Und es muss verkauft worden sein.
Jede dieser Anforderungen schließt andere Kandidaten aus. Wer den Rechner verlangt, verliert den frühesten Kandidaten von 1947. Wer das Bildsignal verlangt, verliert die Geräte mit Lampenfeld. Wer den Verkauf verlangt, landet erst 1971 in der Spielhalle.
Deshalb ist die Frage nach dem ersten Videospiel in der Sache keine historische, sondern eine begriffliche. Die Geräte sind unstrittig, ihre Reihenfolge ist unstrittig, umstritten ist nur, wo die Gattung anfängt.
- 1947 Röhrenschaltung1 von 5 – kein Rechner, nie gebaut
- 1950 Rechenschau-Automat3 von 5 – Publikum, aber Lampenanzeige
- 1951 Nim-Rechner3 von 5 – Publikum, Lampenanzeige
- 1952 Tic-Tac-Toe4 von 5 – Rechner und Bildröhre
- 1958 Tennis am Oszilloskop4 von 5 – Bild, aber Analogrechner
- 1962 Weltraumkampf5 von 5, und es verbreitete sich
02 1947: eine Schaltung ohne Rechner
Der früheste Kandidat ist eine 1947 zum Patent angemeldete Röhrenschaltung, mit der ein Punkt auf einem Schirm gesteuert und auf ein Ziel gelenkt wird. Die Ziele waren aufgemalte Folien, die man über den Schirm klebte, denn die Schaltung konnte nichts zeichnen außer dem Punkt.
Ein Rechner ist daran nicht beteiligt, ein Programm gibt es nicht, und gebaut wurde das Gerät über den Versuchsaufbau hinaus nie. Es ist damit der beste Kandidat für jeden, der nur ein Kriterium anerkennt. Es gab ein Bild und man konnte damit spielen, und der schlechteste für alle anderen.
Bemerkenswert bleibt es aus einem anderen Grund: es zeigt, dass der Gedanke, einen Bildschirm zum Spielgerät zu machen, nicht auf den Computer gewartet hat. Er war zuerst da.
03 1950 und 1951: Rechner mit Lampenfeld
Zwei Geräte um 1950 waren echte Rechner und wurden vor großem Publikum aufgestellt: eines spielte Tic-Tac-Toe auf einer Ausstellung, das andere spielte das Streichholzspiel Nim auf einer Landesausstellung. Beide gewannen zuverlässig gegen Besucher, und beide zogen Schlangen an.
Ihr Nachteil im Sinne der Definition ist die Ausgabe. Gezeigt wurde das Spielgeschehen über Reihen von Glühlampen, nicht über ein Bildsignal auf einer Röhre. Wer im Wort Videospiel das Video ernst nimmt, muss sie deshalb ausschließen.
Interessant sind sie als Gegenprobe zur Erwartung, frühe Computerspiele seien Nebenprodukte der Forschung gewesen. Diese beiden waren von Anfang an für Zuschauer gebaut: Aufgabe war nicht, das Spiel zu lösen, sondern zu zeigen, dass eine Maschine es kann.
04 1952 und 1958: die ersten echten Bilder
1952 entstand an einer britischen Universität im Rahmen einer Doktorarbeit eine Fassung von Tic-Tac-Toe, die auf der Punktmatrix eines Röhrenbildschirms lief. Damit sind erstmals Rechner und Bildröhre beide vorhanden. Zugänglich für Publikum war es nicht: das Gerät stand in einem Rechenzentrum.
1958 baute ein Physiker für den Besuchertag eines Forschungslabors ein Tennisspiel für zwei Personen auf einem Oszilloskop, mit einem Analogrechner und zwei Drehknöpfen. Der Ball folgte einer berechneten Flugbahn, prallte am Netz ab und ließ sich verfehlen. Besucher standen an, um es zu spielen.
Dieses Gerät ist der stärkste Kandidat für alle, denen Zugänglichkeit wichtig ist, und der schwächste für alle, die einen programmierbaren Rechner verlangen: ein Analogrechner rechnet, aber er führt kein Programm aus, das man ändern könnte.
| Jahr | Gerät | Rechner | Bildröhre | Publikum |
|---|---|---|---|---|
| 1947 | Röhrenschaltung mit Zielfolie | nein | ja | nein |
| 1950 | Rechner für Tic-Tac-Toe | ja | nein | ja |
| 1951 | Rechner für Nim | ja | nein | ja |
| 1952 | Tic-Tac-Toe auf Punktmatrix | ja | ja | nein |
| 1958 | Tennis am Oszilloskop | analog | ja | ja |
| 1962 | Weltraumkampf am PDP-1 | ja | ja | ja |
05 1962: der Kandidat, der alle fünf erfüllt
Der Weltraumkampf von 1962 auf einem PDP-1 ist programmiert, läuft auf einer Bildröhre, ist zweifelsfrei ein Spiel und war für jeden zugänglich, der Zugang zum Rechnerraum hatte. Verkauft wurde es nicht, aber es wurde kopiert und lief auf mehreren Anlagen desselben Typs.
Diese Verbreitung ist der Punkt, an dem die Reihe von einer Sammlung von Einzelstücken zu einer Gattung wird. Es ist das erste dieser Programme, das an mehreren Orten gleichzeitig existierte und weiterentwickelt wurde, weil jemand es interessant fand – nicht, weil ein Auftrag dahinterstand.
Wer das Kriterium Verkauf anlegt, muss noch neun Jahre weiter warten, bis das erste Spielgerät gegen Münzen aufgestellt wurde. Die Etappe dorthin ist auf der Seite zum ersten Arcade-Videospiel beschrieben.
06 Warum die Frage sich hartnäckig hält
Fragen nach dem Ersten sind attraktiv, weil sie eine einzige Antwort versprechen. Bei einer Gattung, die aus mehreren Richtungen gleichzeitig entstand, gibt es die nicht, und das ist keine Verlegenheit, sondern die genauere Beschreibung.
Praktisch nützlich ist die Frage trotzdem, weil sie zwingt, die Bestandteile zu benennen: ein Programm, eine Bildausgabe, eine Eingabe, eine Regel und ein Publikum. Diese fünf haben sich zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten zusammengefunden.
Wer die Frage stellt, sollte sie deshalb umformulieren. Nicht: welches war das erste. Sondern: wann waren alle fünf Bestandteile erstmals gleichzeitig vorhanden. Darauf lautet die Antwort 1962, und sie ist begründbar statt gefühlt.
07 Weiterlesen
- Der Kandidat. Weltraumkrieg: Spacewar am PDP-1
- Der Verkauf. Das erste Arcade-Videospiel
- Der Prototyp. Das Prototyp-Videospielsystem
- Übersicht. Geschichte der Videospiele
08 Häufige Fragen
Was war das erste Videospiel?
Das hängt von der Definition ab. Verlangt man Programm, Bildröhre, Spielcharakter und Zugänglichkeit gleichzeitig, ist es der Weltraumkampf von 1962. Verlangt man nur ein Bild zum Spielen, ist es eine Röhrenschaltung von 1947.
Warum zählt die Röhrenschaltung von 1947 für viele nicht?
Weil kein Rechner und kein Programm daran beteiligt war und weil sie über den Versuchsaufbau hinaus nie gebaut wurde. Die Ziele waren aufgemalte Folien, die man über den Schirm klebte.
Warum gilt Tennis for Two nicht allgemein als erstes?
Es lief auf einem Analogrechner. Der rechnet, führt aber kein änderbares Programm aus. Wer einen programmierbaren Rechner verlangt, schließt es deshalb aus, obwohl es Bild und Publikum hatte.
Wann wurde das erste Spiel verkauft?
Erst 1971, mit dem ersten gegen Münzen aufgestellten Arcade-Gerät. Wer den Verkauf zum Kriterium macht, verschiebt die Antwort um neun Jahre gegenüber 1962.