Die besten Spiele eines Jahres
Rückblick auf 2022 und was Ranglisten messen
Jahresbestenlisten widersprechen sich, weil sie drei verschiedene Dinge messen und alle drei dasselbe Wort benutzen. An einem abgeschlossenen Jahr lässt sich das nachprüfen, ohne über Geschmack zu streiten.
01 Warum 2022 als Beispiel taugt
Ein abgeschlossenes Jahr lässt sich prüfen, ein laufendes nicht. Bei einem laufenden Jahr ändert sich die Liste mit jeder Neuerscheinung, und jede Aussage darüber ist an dem Tag, an dem sie gelesen wird, schon ein anderer Stand.
2022 ist zudem ein Jahr, in dem die drei Maßstäbe ungewöhnlich weit auseinanderlagen: ein Spiel gewann die meisten Jurypreise, ein zweites lag bei den Bewertungsmitteln vorn, und beim Absatz führten Titel aus langlaufenden Sportreihen, die in keiner Bestenliste vorkommen.
Genau diese Spreizung macht den Punkt sichtbar. Es gab 2022 kein bestes Spiel, sondern drei Gewinner in drei Disziplinen, die alle unter derselben Überschrift geführt werden.
- Jurypreise: Urteil einer Auswahl von Fachleuten
- Bewertungsmittel: Durchschnitt vieler Rezensionen
- Absatz: verkaufte Stückzahl im Zeitraum
- Wie lange ein Spiel gespielt bleibt
- Ob es in fünf Jahren noch läuft
- Ob es einer bestimmten Person gefällt
02 Jurypreise messen ein Urteil
Ein Jurypreis ist das Ergebnis einer Abstimmung unter ausgewählten Fachleuten. Er misst also nicht Qualität an sich, sondern die Übereinstimmung einer bestimmten Gruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt, und wer in dieser Gruppe sitzt, ist eine Entscheidung des Veranstalters.
Solche Preise begünstigen systematisch bestimmte Spielarten: große Produktionen mit erzählerischem Anspruch, weil sie sich in einer Abstimmung besser begründen lassen als ein Spiel, dessen Reiz in einer Regel liegt. Ein hervorragendes Rätselspiel gewinnt selten den Hauptpreis.
Ein weiterer Verzerrungseffekt ist der Erscheinungszeitpunkt. Ein Spiel, das im Januar erscheint, muss sich bis zur Abstimmung im Dezember gegen elf Monate Neueres behaupten. Wer im Oktober erscheint, ist bei der Abstimmung frisch im Gedächtnis.
03 Bewertungsmittel messen Zustimmung, nicht Höhe
Der Durchschnitt vieler Rezensionsnoten wirkt objektiver als eine Jury und ist es in einer Hinsicht auch: er stützt sich auf mehr Urteile. Sein Problem liegt in der Mittelung. Ein Spiel, das alle für gut halten, bekommt einen höheren Durchschnitt als ein Spiel, das die Hälfte für herausragend und die andere Hälfte für misslungen hält.
Das benachteiligt genau die eigenwilligen Arbeiten, für die Bestenlisten nominell da sind. Ein Mittelwert belohnt Unstrittigkeit, und Unstrittigkeit ist bei einem Spiel, das etwas Neues versucht, kaum zu haben.
Dazu kommt eine Stauchung der Skala. Ein großer Teil der besprochenen Titel landet zwischen siebzig und neunzig von hundert, sodass zwei Punkte Unterschied als Rangunterschied gelesen werden, obwohl sie innerhalb der Streuung einzelner Rezensenten liegen. Das ist derselbe Einwand, der auf dieser Seite gegen Punktbewertungen von Anbietern gilt.
| Maßstab | Begünstigt | Benachteiligt |
|---|---|---|
| Jurypreise | große Produktionen, spätes Erscheinen | kleine Formen, früher Jahresbeginn |
| Bewertungsmittel | unstrittige Titel | polarisierende Arbeiten |
| Absatz | etablierte Reihen, Sport, Fortsetzungen | alles Neue ohne Vorlauf |
04 Absatz misst Gewohnheit
Die Absatzlisten eines Jahres sehen einander über Jahrzehnte ähnlich, weil sie überwiegend etablierte Reihen und jährlich erscheinende Sporttitel enthalten. Sie messen weniger die Qualität eines Jahrgangs als die Stabilität von Kaufgewohnheiten.
Das ist kein Einwand gegen die Zahlen, sondern gegen ihre Verwendung als Bestenliste. Ein Titel, der sich zum siebten Mal in Folge gut verkauft, belegt vor allem, dass die Reihe funktioniert.
Aufschlussreich sind Absatzlisten dort, wo sie von den anderen beiden Maßstäben abweichen. Ein Spiel, das Preise gewinnt und sich schlecht verkauft, sagt etwas über die Lücke zwischen Fachurteil und Publikum, und diese Lücke ist der einzige interessante Befund, den eine Jahresrangliste liefern kann.
05 Wie sich eine Liste sinnvoll lesen lässt
Drei Fragen genügen. Wer hat abgestimmt oder gerechnet. In welchem Zeitraum wurde erhoben. Und welche Spielarten kommen in dieser Liste grundsätzlich nicht vor. Nach diesen drei Fragen ist meist klar, warum ein erwarteter Titel fehlt.
Nützlicher als der erste Platz ist ohnehin die Streuung. Wo alle drei Maßstäbe dasselbe Spiel nennen, liegt ein seltener Fall vor. Wo sie auseinandergehen, benennt die Abweichung die eigentliche Eigenschaft des Jahrgangs.
Für 2022 lautet dieser Befund: das preisgekrönte, das bestbewertete und das meistverkaufte Spiel waren drei verschiedene. Wer nach dem besten Spiel des Jahres fragt, muss also zuerst sagen, welche der drei Fragen er meint.
06 Was eine Liste nach einigen Jahren wert ist
Der ehrlichste Prüfstein für eine Jahresbestenliste ist der Blick darauf mit einigen Jahren Abstand. Er trennt zwei Dinge, die im Erscheinungsjahr nicht zu trennen sind: ob ein Spiel gut war und ob es zum Zeitpunkt der Abstimmung neu und beeindruckend war.
Regelmäßig fällt dabei ein Teil der prämierten Titel zurück, Arbeiten, die für eine technische Neuheit ausgezeichnet wurden, die im Folgejahr Standard war. Ebenso regelmäßig steigen Titel, die im Erscheinungsjahr niemand auf einer Liste hatte, weil sie langsam Publikum gefunden haben.
Das ist kein Argument gegen Jahreslisten, sondern eines für ihre richtige Lesart. Sie sind eine Momentaufnahme der Aufmerksamkeit, nicht ein Urteil über Beständigkeit, und sie behaupten das auch nicht – es sind die Leser, die sie so verstehen. Wer wissen will, was von einem Jahrgang bleibt, muss den Jahrgang altern lassen.
07 Weiterlesen
- Gegenprobe. Das schlechteste Videospiel
- Marktzahlen. Verkaufsschlager: warum Systeme sich durchsetzen
- Chronologie. Geschichte der Videospiele
- Übersicht. Geschichte der Videospiele
08 Häufige Fragen
Warum widersprechen sich Jahresbestenlisten?
Weil sie drei verschiedene Dinge messen und alle dasselbe Wort benutzen: das Urteil einer Jury, den Durchschnitt vieler Rezensionen und die verkaufte Stückzahl.
Was begünstigt ein Jurypreis?
Große Produktionen mit erzählerischem Anspruch und ein spätes Erscheinen im Jahr, weil beides in einer Abstimmung im Dezember besser abschneidet.
Warum benachteiligen Bewertungsmittel eigenwillige Spiele?
Weil ein Durchschnitt Unstrittigkeit belohnt. Ein Spiel, das alle gut finden, schlägt ein Spiel, das die Hälfte herausragend und die Hälfte misslungen findet.
Was war 2022 das beste Spiel?
Nach den drei Maßstäben waren es drei verschiedene: ein Titel gewann die meisten Jurypreise, ein anderer lag bei den Bewertungsmitteln vorn, und beim Absatz führten langlaufende Sportreihen.